Gotteshäuser

Gotteshäuser

Der Ort Herrsching an der östlichen Ausbuchtung des Ammersees, „Herrschinger Winkel“ genannt, ist im Laufe seiner Geschichte aus zwei Ortsteilen zusammenge­wachsen, die trotz der baulichen Entwicklung der letzten 100 Jahre in ihren Grund­strukturen noch erkennbar sind. Die Siedlung zu Füßen mit der auf einem vom Kien­bach umflossenen steilen Bergsporn stehenden katholischen Nebenkirche St. Martin und die mehr dem See zu gelegene ehemalige „Fischersiedlung“ auf dem Schwemmkegel des Kienbaches um die katholische Pfarrkirche St. Nikolaus. Grabfunde des 6. Jh. östlich der Nikolauskirche und des 7. Jh. südwestlich unter­halb des Hügels der Martinskirche, die 1949 bei Reparatur der Wasserleitung und 1968 bei Kanalisationsarbeiten gemacht wurden, lassen vermuten, dass es offen­sichtlich bereits in frühbajuwarischer Zeit zwei Dorfteile mit allgemeinen Friedhö­fen gab. Bei der Erweiterung des heutigen Ortsfriedhofs nördlich der St. Nikolaus­kirche wurde zudem 1982 durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege ein frühmittelalterlicher Adelshof mit Spuren eines profanen Pfostengebäudes, zweier direkt übereinanderliegender Eigenkirchen und einer diese umgebenden kleinen Eigennekropole entdeckt. Das erste hölzerne Gotteshaus – ein kurzer Saal mit gleich breiter Apsis in Holzpfostenkonstruktion (Gesamtgröße ca. 6,5 x 10 m) – wurde noch vor der Mitte des 7. Jh. errichtet. Bei der in Größe und Grundriss glei­chen, wohl aus der 1. Hälfte des 8. Jh. stammenden, darüberliegenden Kirche han­delte es sich um einen massiven Steinbau. Der im Außenbereich der Kirche ange­legte Friedhof umfasste 20 Bestattungen von Kindern und Männern, deren Gräber aus der Zeit um 630/40 bis zur 1. Hälfte des 8. Jh. mit teils luxuriösen Beigaben ausgestattet waren. Dieser Adelssitz stand aller Wahrscheinlichkeit nach im Zu­sammenhang mit dem westbayerischen Uradelsgeschlecht der Huosi, eine der fünf im Stammesgesetz der Bayern genannten Genealogien, die nach dem Herzog die größte Macht besaßen. Herrsching (horcaningun / horscaninga) wird nämlich erstmals in einer 776 ausgestellten Schenkungsurkunde erwähnt, mit der Isanhart, ein Mitglied jener Adelssippe der Huosi, sein gesamtes ererbtes Herrschinger Ei­gengut dem Kloster Schlehdorf am Kochelsee überließ. In dem in den Traditionen des Freisinger Hochstifts überlieferten Dokument ist u. a. davon die Rede, daß er das bebaute und unbebaute Land samt den stehenden und fließenden Gewässern schenkt. Darüber hinaus gibt er auch das Gesinde seines Hauses und dasjenige der „Villen“ (Höfe), wobei durch den Plural „Villen“ die Gliederung des Ortes Herr­sching in zwei Teile auch literarisch faßbar wird.

Vor der Mitte des 11. Jh. müssen Teile von Herrsching dem Kloster Benediktbeuren unterstanden haben, denn um 1052-1055 wird in der Chronik des Klosters, dem Breviarium Gotscalchi, Herrsching als Horschingen in der Liste des entfremdeten Besitzes aufgeführt. 1131/32 übergibt ein Edler Otwin ein Gut in Rausch und ein Drittel der dem hl. Martin geweihten Kirche in Horschaningin dem Kloster Wesso­brunn. Diese in den Traditionen des Klosters Wessobrunn überlieferte Nachricht wurde bislang in das Jahr 1065 datiert. Sie gilt als erste Erwähnung der „oberen“ Kirche St. Martin. Sowohl in Rausch als auch in Herrsching ist später kein Wesso­brunner Besitz mehr nachweisbar. Am 11. September 1209 bestätigt Papst Inno­zenz 111. dem Propst und dem Kapitel des Stiftes Dießen auf deren Bitte hin die vom Augsburger Bischof erfolgte Inkorporation u. a. einer Kapelle in horschingen. Diese Kapelle muß mit der unteren Kirche, St. Nikolaus, identisch sein. Es wird vermutet, daB der Besitz in Herrsching bereits zur Gründungsausstattung von DieBen ge­hörte.

Die Loslösung der beiden Herrschinger Kirchen aus der klösterlichen Seelsorge er­folgte durch Schweiker von Gundolfing d. A., Erbe der nahen Herrschaft Seefeld. Am 1. November 1408 kaufte er von Propst Jakob zu Dießen die untere Kirche samt Kirchensatz und Zehnt und stiftete am 29. September 1409 einen ewigen Jahrtag zu seinem Begräbnis nach Oberalting, wofür er dem dortigen Kirchherrn nebender explizit genannten nider kirchen zu horsing auch ein zehenten daselb zu horsing überließ, den er vom Benediktbeurener Konvent abgekauft hatte. Diese Stiftung war mit der Verpflichtung verbunden, durch einen Kaplan die pfarrlichen Funktio­nen in Herrsching vollziehen zu lassen. Seit dieser Zeit war Herrsching Filiale der Pfarrei Oberalting. 1831 versuchten die Herrschinger Bürger, diese aus dem Mittel­alter stammenden kirchlichen Bindungen an Oberalting zu lösen. Die Errichtung einer selbständigen Pfarrei erfolgte jedoch erst 19,22. Der neue Kirchensprengel umfaßte die Ortschaften Herrsching, Mühlfeld, Ried, Lochschwab, Rausch und den Ortsteil Wartaweil. Von 1922 bis zur baulichen Erweiterung von St. Nikolaus 1926/27 diente die Martinskirche als Pfarrkirche.