Der Bau der St. Nikolauskirche

Der Bau der St. Nikolauskirche

Rückblick

Am 17. Dezember 1922 hat der damalige Pfarrer Johann Zedelmayer, erster Pfarrer von Herrsching, die gesamte Bevölkerung zu einer Versammlung in den Gasthof zur Post eingeladen, um die Frage der Erweiterung der Pfarrkirche St. Nikolaus zu besprechen. Wie Pfarrer Johann Zedelmayer in seiner Chronik berichtet, erklärte bei dieser Versammlung der Architekt Steidle aus München den von ihm ausgearbeiteten Plan einer Erweiterung der Pfarrkirche. Da jeder die Notwendigkeit der Erweiterung einsah, in Anbetracht der Tatsache, dass die Einwohnerzahl Herrschings in den letzten 25 Jahren sich verdreifacht hatte und noch weiter steigen wird, wurde beschlossen, einen Kirchbauverein St. Nikolaus zu gründen, um die finanzielle Grundlage für den Erweiterungsbau zu legen. Dieser Anbau, auch »Oktogon- (Achteck) genannt, wurde unter großen finanziellen Opfern errichtet und am 1. Oktober 1927 durch den Augsburger Weihbischof Karl Reth feierlich eingeweiht. Bei der am 10. Oktober 1930 vorgenommenen »Personenstandsaufnahrne«, so Pfarrer Zedelmayer, wurden in Herrsching 1488 Personen gezählt, davon waren 1240 Katholiken. Ein halbes Jahrhundert später hatte sich die Zahl der Katholiken wieder verdreifacht, und von neuem stand die Frage nach einer Erweiterung oder Umgestaltung der Pfarrkirche St. Nikolaus an.

Ein langer Weg bis zum Baubeginn

Created by Readiris, Copyright IRIS 2010Im Jahre 1979 wurde der erste Schritt zur Realisierung unternommen mit einem schriftlichen Antrag auf Umbau bzw. Erweiterung der Nikolauskirche bei der Bischöflichen Finanzkammer in Augsburg. Der ur­sprüngliche Plan, die Erweiterung der Pfarrkirche zu verbinden mit einem Pfarrzentrum und Kindergarten auf den nördlich der Kirche angrenzenden Grund­stücken scheiterte nach jahrelangen Bemühungen. So wurden Pfarrzentrum und Kindergarten hinter dem Friedhof gebaut und 1976 fertiggestellt und eingeweiht. Die für eine Erweiterung der Pfarrkirche benötigte Flä­che konnte durch das Entgegenkommen von Frau Jose­fine Höllriegl erworben werden. Am 30. Juni 1981 wurde der Tauschvertrag notariell getätigt, der festlegte, dass die Pfarrkirchenstiftung St. Nikolaus ihr Grundstück an der Bahnhofstraße tauscht für das nördlich der Pfarrkirche unmittelbar angrenzende Grundstück. Zudem wurde das auf diesem Grundstück stehende Wohngebäude er­worben.

Nun konnten die Planungsarbeiten mit Schwung fortgeführt werden. Ein allgemeiner Bauwett­bewerb für den Neubau eines Kirchenraumes mit Sakri­stei wurde ausgeschrieben, wobei es den Baustelle2Architekten überlassen blieb, das 1926 an die alte Kirche angebaute Oktogon zu nutzen oder nicht. Der Abgabetermin für Modelle und Pläne war am 12. April 1983. Die Preisge­richtssitzung fand am 19. Mai 1983 im Pfarrzentrum statt, bei der 26 Arbeiten bewertet wurden, aber keine Arbeit sich als überzeugende Lösung anbot. So wurden die vier Architekten, die gleichwertig den 1. Rang belegten, gebeten, ihre Arbeiten nochmals zu überarbeiten. Auch die Überarbeitung brachte keine ideale Lösung.

Doch das Diözesanbauamt (Herr Oberbaurat Zach), Kirchen­verwaltung und Pfarrgemeinderat sahen in dem Ent­wurf von Professor Leonhard Riemerschmid die beste Lösung, da neben einem neu zu schaffenden Gottes­dienstraum die alte Kirche weitgehend erhalten wird, auch wenn das Oktogon abgerissen wird. Das Bischöfli­che Ordinariat jedoch sprach dem neuen Kirchenraum den sakralen Charakter ab und beauftragte den Bau­herrn, dafür zu sorgen, dass ein Modell des Innenrau­mes geschaffen wird, das zeigt, dass dieser Raum den Vorschriften der Liturgie und des Konzils entspricht. Es kam auch wieder ein alter Vorschlag zur Sprache, die alte Kirche ganz abzureißen, außer Turm und Chor. Doch Kirchenverwaltung und Pfarrgemeinderat waren einstimmig für den Erhalt der alten Kirche ohne den Anbau und wehrten sich gegen solche Pläne. Da die Ni­kolauskirche unter Denkmalschutz steht, wäre es frag­lich gewesen, für den Abbruch eine Genehmigung zu erhalten. Die Diskussion um diese Grundsatzfrage ver­zögerte die ganzen Baumaßnahmen.

Doch Turm und Dach des Kirchenschiffes waren so schadhaft, dass eine Instandsetzung nicht mehr weiter hinausgeschoben wer­den konnte. So wurden 1986 mit einem Kostenaufwand von 205581,55 DM der Dachstuhl und die Dachein­deckung erneuert sowie der Turm neu verputzt und ge­strichen. In der Ordinariatssitzung am 11.3.1986 fiel dann die wichtige Entscheidung, dass gegen die von dem Archi­tekt Riemerschmid vorgelegte Planung keine grundsätz­lichen Einwände erhoben werden. Nachdem bereits am 13.5.85 der Bauausschuss der Gemeinde Herrsching das Kirchenprojekt einstimmig befürwortet hatte, konnten nun die Ausschreibungsunterlagen für die einzelnen Gewerke gefertigt werden. Für die Renovierung des Alt­baus sowie für den neuen Kirchenraum mit dem Sakri­steibereich wurden 5,263 Millionen veranschlagt.

Am 14. Oktober 1987 war es endlich so weit, dass mit den Bauarbeiten begonnen werden konnte. Günstige Witte­rung im Winter wie in den Sommermonaten ermöglichten, am 16. September 1988 den Grundstein für den Neubau der Pfarrkirche zu legen.

Für und Wider das Oktogon

Die Schwierigkeiten mit dem Kirchenbau waren noch nicht alle beseitigt. Das Diözesanbauamt kam nämlich zu der Auffassung, das Oktogon stehen zu lassen und als Taufkapelle zu nutzen.

Kirchenverwaltung, Pfarrgemeinderat und Architekt waren jedoch der Meinung, das genehmigte Konzept mit Abbruch des Anbaus zu verwirklichen. Da keine Ei­nigung in dieser Frage erzielt werden konnte, musste wiederum, nach mehreren vorangegangenen Gesprä­chen, in einer Ordinariats-Sitzung eine Entscheidung getroffen werden. Am 11.4.1989 wurde entschieden, den Abbruch des Oktogons »aufsichtlich zu gestatten, unter Aufrechterhaltung der Einwände und Bedenken der Diözese«.

Im Sommer des gleichen Jahres wurde der Anbau von 1926 abgerissen. Mehrere Wochen hatte man nun den Eindruck einer Ruine. Doch heute kann man sagen, dass der Abbruch richtig war und die alte Kirche wieder in neuem Glanz strahlt. Es war besser, den alten und neuen Kir­chenraum durch die Sakristei zu trennen, als beide unter einem Dach zu verbinden. Freilich gehen darüber die Meinungen auseinander. Wichtiger ist jedoch, beide Kirchenräume als würdige Stätten des Gebetes zu emp­finden und anzunehmen.

Zur Architektur der neuen Kirche »St. Nikolaus«

Städtebauliche Grundlage für die ausgeführte Pla­nung von Umbau und Neubau der kath. Pfarrkirche »St. Nikolaus« in Herrsching war das Konzept des prä­mierten Wettbewerbsentwurfes: Die neue Gesamtan­lage aus alter und neuer Kirche mit Sakristei um­schließt einen kleinen Andachtshof am Eingangsbe­reich zum Neubau, in deren Schwerpunkt dominie­rend, von allen Seiten sichtbar, der alte Kirchturm steht.

Der alte Turm spiegelt sich in der Glaskuppel der neuen Kirche.

Die Rückführung der alten Kirche auf ihre ursprüngli­che Form (ohne den oktogonalen Anbau aus den 20er Jahren) unterstreicht diese notwendige Schwerpunkt­verschiebung, bringt die Gesamtbaurnasse in ein neues Gleichgewicht und verschafft der alten Kirche einen definierten, großzügigen Eingangsbereich.Apsis

Der Innenraum des neuen Kirchenschiffes, der zur Glaswand gegenüber dem Turm hin ansteigt, ist mit seiner diagonalen Raumachse, an der Altarraum, strahlenförmige Anordnung der Dachbinder, Gestühl und Empore sich ausrichten, gleichfalls zum Schwer­punkt hin orientiert.

Created by Readiris, Copyright IRIS 2010Der Kirchraum wird geprägt durch die auf vier Masten ruhende Dachkonstruktion, die sich über der Empore, in Beziehung zum hohen Turm, in ein fächerförmiges Tragwerk auflöst und sich über dem Altarraum mit einem gläsernen Dach zum Himmel öffnet.

Die farblich durchgehend dezente, helle Behandlung verschiedener Materialoberflächen in dem sakralen Raum läßt die in vornehmer Zurückhaltung gestalte­ten Kreuzwegstationen, Altar mit Tabernakel, Altar­tisch und Taufbecken sowie die alten Skulpturen zu stiller, eindringlicher Wirkung kommen.

Prof. Leonhard Riemerschmid

Kreuzweg

Der Kreuzweg ist ein Thema, das mich viel beschäf­tigt. Bald schon entschied ich mich für eine Arbeit in Stein. Ich verwendete denselben Stein wie er in der Kirche schon bei Altar, Ambo und am Boden vor­kommt, nämlich »Jura Rahmweiß«. Bei der Größe der Platten mußte ich auch davon ausgehen, daß ich sie noch bewegen konnte! Ganz wichtig war mir, dass die Platten in die Wand eingemauert wurden und so ein Bestandteil derselben werden.

Bei meiner Arbeit ging es mir nicht darum, sozusagen Geschichten für die einzelnen Stationen des Leidens­weges unseres Herrn zu erzählen, sondern ich ver­suchte, Sinnbilder dafür zu finden. Auch wollte ich, dass er in die Weite des Raumes wirkt. Dabei be­schränkte ich mich auf einzelne Teile der Gestalt Jesu, die mir besonders sinnfällig erschienen. Ich will damit die Fantasie des Betrachters anregen, die „Fehlenden“­ nach seiner Vorstellung zu ergänzen. Auch versuchte ich, möglichst alle Körperteile wenigstens einmal zum Hauptereignis der Darstellung werden zu lassen. So zum Beispiel bei „Jesus wird ans Kreuz genagelt“ die Füße; die Idee mit dem Eisennagel kam mir während der Arbeit. Bei der „Verurteilung“ ging es mir vor allem um die kreuzweise gebundenen Hände. Bei „Begegnet seiner Mutter“ ließ ich zum ersten Mal sein Antlitz im Profil sehen, und beim „Schweißtuch“ grub ich es wie einen Abdruck in die Platte. Bei den „Drei Fällen“ ließ ich das Haupt Jesu immer tiefer sinken und das Kreuz deckte ihn zu. Bei „Stirbt am Kreuz“ ist es, als ent­weicht sein letzter Atem. Bei der vorletzten Station ist Friede in das tote Antlitz eingekehrt. Bei der letzten ist zum einzigen Mal, zwar verkürzt und in Tücher gehüllt, seine ganze Gestalt vorhanden; aber er ent­zieht sich unserem Blick. So führt der Kreuzweg in un­serer Kirche von Maria mit dem Kind und Taufstein über die Ost- und Nordwand hin zu Altar und Taber­nakel.

Hans Kreuz

Das Fresco »Himmel und Erde«

„Wenn der Bogen im Gewölk ist, will ich ihn ansehen, zu gedenken des Weltzeit-Bunds zwischen Gott und alljeder lebenden Seelen von allem Fleisch, das auf Erden ist“, so sprach Gott zu Noah nach der Sintflut.

Der Regenbogen als Zeichen des fortan gültigen Bun­des zwischen Himmel und Erde.

Professor Georg Bernhard (Augsburg I Riederau) nimmt dieses alttestamentarische Bild, um das Wand-­Eck des Altarraumes in einen leuchtend farbigen Kreis zu binden, der den Kirchgänger in das Geschehen der Messe einbezieht.

Christen kommen von weither. Gott hat sich ihnen in der Schöpfung offenbart, in den Ur- und Stammvätern gnädig erwiesen, durch alle Höhen und Tiefen vor­christlicher Geschichte als einzig zuverlässiger Beglei­ter gezeigt. Dieses Mitwissen ist der Christen jüdi­sches Erbteil. Im Neuen Testament erfüllt sich die Ver­heißung, Gott selbst wohnt als Mensch unter Men­schen, tut sich als ihr Weg, Wahrheit, Leben kund und offenbart sich als dreifaltig, Vater, Sohn und Geist. Wer in diesem Glauben lebt, hat inwendig schon teil am Reich der Himmel.

Diese hohe Weitsicht steht Pate für das Fresko. Über allem Gott der Schöpfer, Bewahrer, Vollender des kos­mischen Geschehens. Seit alters stellt die Kunst ihn als den Sehenden, Durchschauenden, auf den Anfang und das Ende Blickenden unter dem Bild des Auges dar: Erhaben, zeitlos und allgegenwärtig. Der bunte Regenbogen trennt seine Welt nicht von ihm, sondern bindet, ist das Band, der Bund.

Zum Zeichen dessen wird der Geist als Taube eingeführt. Man denkt an jene Taube, die den Noah das Ende der Sintflut lehrte; an die Taube über Jesu Taufe. Sie ist Bild für den Heili­gen Geist. Georg Bernhard hat sie darüber hinaus als Friedenstaube mit dem Ölzweig ausgestaltet, „die Frucht des Geistes ist der Friede“. In das Rot der Apo­kalypse erscheint die dritte göttliche Person getaucht, der Christus, dargestellt als Lamm, das sich zum Opfer gibt für unsere Schuld. So stellt sich, gruppiert um den Regenbogen des göttlichen Bundes mit der Menschheit, das obere Panorama dieser Wand dar. Das untere, die Erde, ist schon so darein verflochten, in Farben, Formen und Gestalten, dass man den buch­stäblichen Hinweis auf das Vegetative, auf Wachstum und Vergehen, nicht mehr sucht, die braunen, dunk­len Töne genügen der Phantasie.

Bewegend, wie Strahlenbündel vom Himmel zur Erde nieder und von unten nach oben trachten … Strah­lend blau das Azur des Lufthimmels …

Durch die Kreisform des Bogens am Himmel sind Ta­bernakel und Altar eingefangen in die Leuchtkraft sinnfälliger Bilder und Symbole.

Zur technischen Ausführung der Malerei in „fresco secco-Manier“: In den Putz sind Sand-, Ziegel- und Marmormehl, unterschiedlicher Quarzsand und drei­jähriger Kalk eingegangen, in die Farben licht- und kalkechte Pigmente, als Bindemittel dienen Kalk, bis zu fündundzwanzig Jahre alt, beziehungsweise Kasein (fünf Teile Topfen, ein Teil Kalk). Der noch nicht trockene Putz wird befeuchtet und mit verschiedenen Stahl-Messing-Bürsten bearbeitet, um die Sinterhaut zu zerstören und die Bindung zwischen Wand und Farbe zu ermöglichen. Danach nochmaliges Befeuch­ten der Wand, dann Aufbringen der Kalkmilch, nach Abziehen der Feuchtigkeit (Glanz) Bemalung unter Kaseinzusatz, wobei die Flächen meist komplementär (warm kalt – kalt warm) und teilweise sechs- oder sie­benmal farbig gearbeitet werden.

Das Ergebnis dieser mühsamen Arbeit: farbliche Dichte, Leuchtkraft und Transparenz.

Dr. Horst Dallmayr, Riederau